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"Hey, das kann ich ja"



Auszüge eines Beitrages aus der Broschüre "Mobilität",
von Ute Herzog

So steht es auf dem Flyer über die einwöchigen
Rollstuhltrainingskurse, die die Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydrocephalus (ASbH) und der
Deutsche Rollstuhl-Sportverband (DRS) seit nunmehr 20 Jahren anbieten.

Und genau dieser Satz ist der Leitsatz auf den Kursen, nämlich den Kindern und Jugendlichen, die zu ihrer Fortbewegung den Rollstuhl nutzen, das bewusst zu machen, was sie können und mit ihnen an ihren Fähigkeiten zu arbeiten.  

Rollstuhlfahrtechniken und Mobilitätsförderung

Zunächst sind das die motorischen Ziele, die den Umgang mit dem Rollstuhl betreffen. Jedes Kind, und sei es noch so stark eingeschränkt durch seine Behinderung, hat Spaß und Freude an der Bewegung und am gemeinsamen Sporttreiben. Aufgabe der Übungsleiter im Sport ist es nun, die Übungen und Spiele so auszuwählen und methodisch so einzusetzen, dass jeder Teilnehmer mit einbezogen ist und an seinem Anspruchsniveau lernt.
Durch das Erlernen der „Rolli-Fahrtechnik“ erleben die Kinder, dass sie etwas können und durch das Üben Erfolgserlebnisse haben. Dadurch wird ihre Freude an der Bewegung gefördert und das Selbstvertrauen gestärkt. Die gemeinsamen Spiele motivieren zum Mitmachen und erhöhen die Anstrengungsbereitschaft. Die Kinder erleben sich als aktiv und spüren den Spaß am gemeinsamen Herumtollen mit den anderen. Die Kinder dienen sich gegenseitig als Vorbild, nicht nur in der Sporthalle, sondern vor allem auch in den Pausen, beim täglichen Miteinander, beim Essen usw. Es ist toll zu erleben, wie manche Kinder, die von ihrer Umwelt als bewegungsfaul beschrieben werden, auf dem Kurs mit den anderen herumfahren und ihre Bewegungsfreude entdecken.  

Hat das Kind die Möglichkeit bei einem anderen Übenden zuzuschauen und die Hilfen zu sehen, wird das seinen Mut zusätzlich stärken.
So werden auf den Kursen die Fahrtechniken unter fachkundiger Anleitung erlernt, in gemeinsamen Spielen geübt und gefestigt und in der Anwendung im Gelände erprobt und gesichert.
Dazu gehört neben dem dargestellten Kippeln die richtige Greifhaltung, das effektive Anschieben des Rollstuhls, das Drehen und Stoppen, das Rückwärtsfahren, das Fahren von unebenem Gelände, Steigungen und Gefälle, das Bürgersteigfahren, aber auch das Ein- und Aussteigen aus dem Rollstuhl und das Umsetzen vom Rollstuhl aufs Bett oder ins Auto.  
Ebenfalls wird so die Orientierung im Raum und in der Umgebung geschult. Gemeinsam mit den anderen "Rollikindern" trauen sich viele Kinder wesentlich mehr zu und fahren auch Strecken und Wege, die sie mit ihren Eltern freiwillig nicht gefahren wären.
Eine ganze Palette von Sport- und Bewegungsmöglichkeiten werden jeweils auf die Teilnehmer abgestimmt angeboten, wobei die Sportarten so eingesetzt werden, dass jeder mit Spaß und Erfolg teilnehmen kann. So werden beispielsweise beim Tanzen die Eigenschaften des Rollstuhls eingesetzt und individuelle Bewegungen auf die Musik unterstützt. Beim Judo auf der dicken Matte wird die Entwicklung eines positiven Körperempfindens besonders auch der behinderten Körperregionen unterstützt. Bei dem mittlerweile recht bekannten Rollstuhlbasketball werden kleine Korbballständer und spezielle Regeln eingesetzt, die es ermöglichen, dass alle miteinander beim gemeinsamen Sporttreiben Freude empfinden und Lernerfolge haben können.  
Bei den Kursen steht immer auch Schwimmen mit auf dem Programm. Das Schwimmen bietet eine Bewegungsmöglichkeit, die für die meisten Kinder bei entsprechend einfühlsamem und methodischem Vorgehen gut zu erlernen ist und große Erfolgserlebnisse beinhaltet. Zudem kann man sich im Wasser ohne Hilfsmittel barrierefrei bewegen.  

Rollstuhlversorgung, Rollstuhlwartung und –pflege

Ein anderes wesentliches Ziel ist die Beratung und Aufklärung dieser Familien über die Rollstuhlversorgung. Manchmal können schon mit kleinen Anpassungen das Sitzen und die Fahreigenschaften verbessert werden. Die Rollstühle der Kinder sind sehr häufig nicht optimal ausgemessen und eingestellt, was sich sowohl auf das Sitzen als auch auf das Fahren mit dem Stuhl auswirkt und damit für die gesamte körperliche und auch emotionale Entwicklung des Kindes schwerwiegende Folgen haben kann. Die Bewegungseinschränkung durch einen schlecht angepassten Rollstuhl führt zu mangelnder Bewegungsmotivation und zu einem stark reduzierten Bewegungsdrang.
Diese Inaktivität wiederum hat Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf das Lernen und auf die Selbständigkeitsentwicklung.
Ein leicht zu fahrender, wendiger Rollstuhl motiviert zur Fortbewegung und aktiviert die Kinder. Ein gut angepasster, leichtgängiger Rollstuhl ist die Grundlage für eine optimale Bewegungsentwicklung.  
Auch hier möchte ich anhand eines Beispiels die Problematik der Rollstuhlversorgung darstellen: Einem Jungen, dessen Rollstuhl schwer zu fahren ist, kann direkt auf dem Kurs geholfen werden. Als erstes werden die Reifen aufgepumpt und die Vorderradlager gesäubert. Das Kind wird angeleitet mitzuhelfen. Danach fährt der Rollstuhl schon viel besser und sogar die Bremsen funktionieren wieder. Nun wird noch der Schwerpunkt des Rollstuhls näher zum Drehpunkt verlagert, indem die großen Reifen ein Stück weiter nach vorne eingestellt werden und schon lässt sich der Rolli viel leichter drehen und wenden. Huch - das Ankippen geht so auch gleich viel leichter, der Junge kippt jetzt bei jedem Vorwärtsschub mit den Vorderrädern an. Gut, dass er jetzt auf dem Kurs direkt die richtige Fahrtechnik erlernt und einübt, um effektiv und sicher zu fahren.  
Neben der Rollstuhlberatung haben Eltern und Kinder auf den Kursen die Möglichkeit verschiedene Rollstühle auszuprobieren. Dies gilt auch für diverse Elektroantriebe, die wir je nach Kurs zur Verfügung stellen können. Nach unseren Erfahrungen empfehlen wir eine Elektroversorgung sehr früh, um auch schwerbehinderten Kindern und Kindern mit progredienten Erkrankungen eine möglichst große Mobilität zu ermöglichen und Bewegungsfreude zu erhalten. Beides wirkt sich nachhaltig auf die psychische Situation der Kinder und auf das Lernen aus.  

Lebensperspektiven

Eine andere Ebene, die auf den Kursen angesprochen wird, ist das Selbstverständnis der Kinder als Menschen mit Behinderung bzw. der Familien, als Familien mit einem behinderten Kind. Die Kinder erleben sich selbst, so wie sie sind, als in Ordnung. Oftmals wird ihnen aber von außen suggeriert, dass sie nicht in Ordnung sind, weil sie nicht laufen können. Viele Kinder mit Rollstuhl haben die Vorstellung, dass sie laufen können, wenn sie erwachsen sind. Sie sehen auch überall um sich herum nur erwachsene „Fußgänger“ (so heißen die Nichtbehinderten bei den Rollifahrern).
Für die Entwicklung ihrer Lebensperspektiven ist es sehr bedeutsam, dass sie erwachsenen Rollstuhlfahrern begegnen.  
Im Übungsleiterteam der Kurse ist immer mindestens ein Übungsleiter ein erfahrener Rollstuhlfahrer, der den Kindern ein Vorbild sein kann. Durch sein/ihr Leben eröffnen sich positive Lebensperspektiven. Die Kinder und Eltern löchern den Übungsleiter im Rollstuhl im Laufe der Woche mit vielen Fragen, schauen zu, wie er ins Auto einsteigt, wie er seine Tasche trägt, einen anderen Rollstuhl vor sich her zur Halle schiebt. Sie schauen sich die Fotos vom Skifahren an, von der Handbiketour mit seiner Familie u.a. Sie erleben diesen Menschen als selbstbewussten, fröhlichen Menschen mit viel Lebensfreude und seiner eigenen Persönlichkeit. Oftmals erweitern sich die Perspektiven der Eltern. Die vermeintlich realistische Vorstellung vom Leben mit Behinderung, die teils aus der Unkenntnis der möglichen Aktivität und Selbstbestimmung, aber auch aus dem gesellschaftlich geprägten Bild von Behinderung entstand, wird umgekrempelt. Neue Vorstellungen für die Zukunft ihrer Kinder und ein Einsetzen für die Rechte der Kinder und die frühe Anbahnung von Selbständigkeit und Selbstbestimmung finden Platz.  
Ein anderes Thema, was in diesem Zusammenhang sehr wesentlich ist, ist die Selbständigkeit bzw. die Selbstbestimmung im hygienischen Bereich. Auch hier geben die erwachsenen Rollstuhlfahrer ihre eigenen Erfahrungen und viele Tipps weiter. Besonders bei Kindern mit Spina bifida und daraus folgender Inkontinenzproblematik ist die frühe Anbahnung des bewussten und sorgfältigen Umgangs mit ihrem Körper sehr wichtig.  

Hilfe zur Selbsthilfe

Familien mit einem behinderten Kind werden von anderen oftmals als leidende Familien betrachtet. Ihnen wird häufig Mitleid statt Verständnis entgegengebracht. Im Rahmen der Kurse tauschen sich die Familien untereinander aus, berichten von ihren Erlebnissen und geben sich vielerlei Tipps und Informationen weiter. Vor allem aber spüren sie einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, der sie in fröhlicher Atmosphäre ohne Erklärungen miteinander schöne Stunden erleben lässt. Dies stärkt die Familien und gibt ihnen Ansporn auch über die Kurse hinaus. So sind schon einige Rollstuhlsportgruppen dadurch entstanden, dass die Eltern nach dem Kurs in ihrem Heimatort dafür gesorgt haben, dass ihre Kinder weiter Rollstuhlsport machen können.
Die Eltern erfahren, dass sie die Experten für ihre Kinder sind, sammeln Erfahrungen, tauschen sich aus und geben ihre Erfahrungen gerne weiter. Der Selbsthilfegedanke stärkt die Familien und hilft ihnen.  

Teilnehmer

An den Kursen nehmen Kinder mit unterschiedlicher Behinderung und auch unterschiedlichen Alters teil. Die Bandbreite geht von Kindern, die nur für lange Strecken den Rollstuhl nutzen, über Kinder, die einen Elektrorollstuhl bedienen, bis hin zu Kindern mit mehrfachen Behinderungen. Die Kurse können wir für alle ab 3 Jahre empfehlen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Kinder und ihre Eltern in ihrer Unterschiedlichkeit sehr voneinander profitieren. Die Familie mit dem jungen Kind erhält Tipps und Erfahrungen von den Erfahreneren. Der kleine Flitzer motiviert die älteren Jugendlichen. Das Kind, das die Arme mitbetroffen hat, wird von einem anderen liebevoll geschoben. Das ältere Kind übernimmt den Posten des Kindersprechers und lernt Verantwortung für die anderen zu übernehmen. Die „jungen Eltern“ hören die anderen über die Ablösung vom Elternhaus sprechen. Das Miteinander auf dem Kurs profitiert geradezu von der Unterschiedlichkeit der Teilnehmer.  

Zur Geschichte

1981 fand unter der Leitung von Dr. Horst Strohkendl der erste Rollstuhltrainingskurs in Oberwesel statt. Jahr für Jahr steigerte sich die Anzahl der Kurse bis 1998, in dem 14 Kurse stattfanden und eine Menge von 90! Übungsleitern und Praktikanten für die Kurse zur Verfügung standen. Durch die veränderte Situation der Krankenkassenfinanzierung mussten wir die Kurszahl auf 8 reduzieren. Inzwischen gibt es auch pro Jahr einen Kurs für Erwachsene, einen für Kinder und Jugendliche mit Elektrorollstuhl sowie einen für Jugendliche ohne Begleitung.
Die Übungsleiter der Kurse werden jährlich an einem Wochenende fortgebildet, die Ansprechpartner der Kurse treffen sich seit 1995 zusätzlich einmal jährlich, um organisatorische und inhaltliche Aspekte zu planen.
Auch ins benachbarte Ausland konnte das Konzept der Kurse transportiert werden. Am erfolgreichsten gelang das in der Schweiz, wo die Kurse Familienlager und Jugendlager genannt werden und je 2 Kurse pro Jahr durchgeführt werden. Aber auch in Österreich und in Bosnien fanden unter unserer Mithilfe Mobikurse statt. In Ungarn und in Tschechien wird der Kursaustausch über das Familienministerium mitfinanziert.  

„Hey, das kann ich ja!“

Die Kinder erleben sich auf dem Mobikurs als Könnende und nicht als Mängelwesen. Die Eltern erleben, dass ihre Kinder, so wie sie sind, angenommen und dass die Stärken ihrer Kinder wahrgenommen werden. Eine Mutter sagte zu mir: „Du warst die erste, die zu mir gesagt hat, Du hast ein tolles Kind. Überall wo ich mit ihr hinkam, wurde mir aufgezählt, was sie nicht kann. Hier erfahre ich, was sie alles kann.“
Die Kinder brauchen wie alle Kinder dringend Zuspruch, Verstärkung und vor allem Erfolgserlebnisse, um mit Spaß und Freude zu lernen. Im Sport haben wir die Möglichkeit ihnen Wege aufzuzeigen, was sie alles machen können. Dazu werden auch Anregungen aus den Sportarten der Nichtbehinderten aufgegriffen, aber auf die Bewegung mit Rollstuhl bzw. auf die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder hin abgestimmt. Vieles wird neu ausprobiert und entdeckt.  
Wenn wir davon absehen, den Idealvorstellungen und Werten der Nichtbehinderten möglichst nahe kommen zu wollen, sondern auf die Besonderheiten und Fähigkeiten der Kinder schauen und diese unterstützen, können wir vieles neu entdecken, offen werden für neue Dinge und einige gesellschaftliche Werte und Normen hinterfragen und für uns neu definieren. Die Kinder werden dadurch bestärkt, ihre eigenen Möglichkeiten zu erkennen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Wer mehr Informationen zu den Rollstuhlmobilitätstrainingskursen der ASbH und des DRS, über Rollstuhlsportgruppen oder zu Fortbildungen des DRS haben möchte, wendet sich bitte an die Verfasserin des Artikels oder schaut im Internet unter www.rollstuhlsport.de unter dem Link Kinder- und Jugendsport nach.

Autorin: Ute Herzog