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Die Rollstuhleinstellung

Der richtig angepasste Rollstuhl muss auf den Benutzer individuell eingestellt werden. Die meisten Rollstühle bieten die verschiedenen Einstellungen über die Vorder- und Hinterradbefestigungen.

[Abbildung] Sitzhöhe:
Die Sitzhöhe sollte so sein, dass bei aufrechter Sitzhaltung die angewinkelten Unterarme des Kindes nur knapp über dem höchsten Punkt des Rades sind. Damit ist ein optimaler Greifbereich gewährleistet, ohne dass das Kind beim Fahren die Schultern hochziehen oder den Rücken nach unten beugen muss.

Sitzneigung:
Eine leichte Sitzneigung (bis 4º) ist grundsätzlich zu empfehlen. Sie bietet gerade bei Lähmungen etwas Halt. Bei einer Lähmungshöhe mit eingeschränkter Bauchmuskulatur kann eine größere Sitzneigung sinnvoll sein.

Bild links:
Eine zu hohe Sitzposition ergibt einen kleinen Greifbereich.

Bild rechts:
Eine optimale Sitzposition ermöglicht einen großen Greifbereich und eine aufrechte Position beim Fahren.
[Abbildung]

Fußbrett:
Das Fußbrett ist häufig höhen- und winkelverstellbar. Das Fußbrett sollte so eingestellt sein, dass die Füße bei einem Knie- und Fußgelenkwinkel von 90º gut auf dem Fußbrett aufstehen. Die Haltung der Füße weiter vorne erschwert ein gerades Sitzen erheblich.

Lenkradachse:
Die Lenkradachse des Rollstuhls muss senkrecht stehen. Steht sie nach hinten, flattern die Vorderräder. Steht sie nach vorne, muss der Rollstuhl beim Anfahren immer erst einmal bergauf bewegt werden.

Dreh- und Kipppunkt:
Die Achsaufnahme der Hinterräder sollte nahe dem Körperschwerpunkt liegen, der beim Sitzen im Rollstuhl etwas vor den Hüftgelenken liegt. Der Rollstuhl lässt sich somit gut drehen und wenden und auch leicht ankippen, was das Schwellen- und Stufenfahren erleichtert.Die sichere Handhabung des so kippelig eingestellten Rollstuhls lässt sich gut und relativ leicht erlernen. Bei Ungeübten kann das Überkippen durch die Antikippräder vermieden werden. Der Rollstuhl sollte so eingestellt sein, dass das Kind ihn leicht ankippen kann, aber beim Anfahren nicht jedes Mal ankippt. Die Stützräder sollten so eingestellt sein, dass das Balancieren auf den Hinterrädern möglich ist, ein Überkippen aber verhindert wird. Dies ist bei den gängigen gekröpften Stützrädern häufig nicht möglich, da sie nicht hoch genug positioniert werden können.

[Abbildung]

Bild links:
Der Drehpunkt ist weit hinter dem Schwerpunkt, daher lässt sich der Rollstuhl schlecht lenken und fahren und nur sehr schwer ankippen.





Bild rechts:
Der Drehpunkt ist unter dem Schwerpunkt, daher lässt sich der Rollstuhl wendig fahren und leicht ankippen.
[Abbildung]

Radsturz:
Bei Kindern ist ein Radsturz bis 10º gut zu empfehlen. Der Sturz macht zwar den Rollstuhl breiter, aber auch wesentlich leichter zu drehen und zu wenden. Er erhöht die Seitenstabilität und schützt die Finger vor dem Einklemmen z.B. an Türrahmen.

Rückenlehnenneigung:
Bei starren Stühlen, sehr selten auch bei faltbaren, kann die Rückenlehnenneigung eingestellt werden. Die Rückenlehne sollte bei einer Sitzneigung senkrecht zum Boden stehen (nicht zur Sitzfläche).

Der Rollstuhl sollte nicht nach den Gesichtspunkten ausgewählt werden: "Wenn wir mal in den Wald gehen, dann wäre es besser, große Vorderräder, eine Trommelbremse für den Schieber und große Kleiderschützer zu haben". Es sollte der tagtägliche Einsatz beachtet werden und der Rollstuhl so leichtgängig wie möglich für diesen Einsatz ausgewählt werden. Alles Zubehör wiegt zusätzlich (Trommelbremsen sind sehr schwer) und kann sich störend auf den Greifbereich auswirken (große Kleiderschützer).


Bild rechts:
Der Radsturz macht den Rollstuhl wendiger beim Fahren und seitlich stabiler.
[Abbildung]

[Abbildung]
Noch ein paar Worte zum Sitzen:
Der Rollstuhl ist für den Nutzer in erster Linie ein Fortbewegungsmittel, in dem er gut sitzen können muss. Eine aufrechte, gerade Sitzposition allerdings kann selbst ein Mensch ohne jede Behinderung nicht auf Dauer einnehmen. Ohne Aktivität sitzen wir alle nicht länger als 10 Minuten gerade, dann suchen wir uns Ausweichpositionen. Dies gilt für die Kinder im Rollstuhl genauso, obwohl von ihnen oft erwartet wird, dass sie immer gerade sitzen. Positionswechsel und auch Sitzwechsel (z.B. auf einen Stuhl) sollten immer wieder angestrebt werden. Ebenfalls ein Entlasten durch Liegen. Es ist sehr ungünstig, mehrere Stunden in einer Sitzposition zu verharren. Auch sollten verschiedene Entlastungsmöglichkeiten eingenommen werden und nicht eine bevorzugt werden. Wenn z.B. die Rückenlehne zu hoch ist, schließt das die Entlastungsmöglichkeit durch Streckung nach hinten völlig aus.



Bild links:
Die hohe Rückenlehne nimmt die Entlastungsmöglichkeit nach hin

Die Fachleute:
In den meisten Fällen werden die Rollstühle der Kinder von Krankengymnasten ausgesucht, die von den Rehafachhändlern beraten werden. In ihrer Ausbildung allerdings lernen die Krankengymnasten in der Regel nichts über eine individuelle Aktivrollstuhlanpassung, bei den Rehafachhändlern ist das ähnlich. In der Praxis dagegen müssen sie entscheiden und beraten und haben damit eine hohe Verantwortung. Sie versuchen nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln.
Es ist jedoch schwierig, die Wichtigkeit und die Prinzipien einer guten Anpassung zu begreifen, wenn man selber das Rollstuhlfahren nicht beherrscht und nie erfahren hat, wie hinderlich eine zu hohe Rückenlehne ist, wieviel der Radsturz für die Wendigkeit des Stuhles ausmacht und wie gut das Ankippen des Rollstuhls zu erlernen ist, wenn die Schwerpunkteinstellung stimmt.
Sehr häufig findet aus der Unsicherheit heraus, etwas nicht getan zu haben, z.B. zur Vorbeugung einer Skoliose zu wenig Halt gegeben zu haben, eine Überversorgung statt. Gerade Kinder mit Rumpf- und Armbeeinträchtigungen werden mit aufgesetzten Sitzschalen und Gurten versorgt, die ihre Bewegungsmöglichkeiten und ihren Aktionsradius zusätzlich erheblich einschränken. Dabei ist es für sie besonders wichtig einen leichtgängigen und wendigen Rollstuhl zu haben.
Gerne wird auch der Rollstuhl auf Zuwachs ausgemessen. Dass man in zu großen Schuhen nicht gehen kann, ist jedem klar, weil es wahrscheinlich jeder auch mal ausprobiert hat. Dass ein zu großer Rollstuhl ähnliche Auswirkungen hat, wird jedem bewusst, der dies selber erfahren hat.
Viele Versorgungen sähen anders aus, wenn diese Prinzipien den Versorgern bewusst wären.

Fazit
Unser Bestreben ist es, durch den Sport und durch Fortbildungsangebote sowohl die Eltern und die Kinder kundig zu machen als auch die Fachleute, die die Eltern und Kinder beraten, zu schulen. Dabei steht die Selbsterfahrung an erster Stelle.
Eltern lernen zunächst nach der Geburt ihres Kindes die Kompetenz für ihr Kind in die Hände von Fachleuten zu legen und verbleiben häufig in diesem Schema. Dabei sind sie es, die im Laufe der Jahre ihre Kinder genau beobachten, die erkennen, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Sie sind die Experten für ihr Kind, fühlen sich aber oft nicht kompetent und verlassen sich auf die Fachleute.
Sie erkennen, wenn das Kind nicht gut sitzt oder keinen guten Halt findet. Es ist allerdings schwer für sie zu beurteilen, ob der Rollstuhl gut fährt, da sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben und es nicht anders kennen.
Die Rehafachhändler dagegen erleben die Kinder nur sehr selten in ihrem tagtäglichen Umfeld und auch die Physiotherapeuten bekommen eigentlich nur kleine Ausschnitte aus dem Leben der Kinder mit. Hier ist die Zusammenarbeit und die Kommunikation aller Beteiligten, aber auch die Stärkung der Eltern und das genaue Beobachten der Kinder von großer Bedeutung.

In den Gruppen, Schule oder Sportverein, in denen einzelne Kinder z.B. mit der integrierten Sitzschale gut versorgt sind, werden andere darauf aufmerksam. So vollzieht sich zur Zeit ein Schneeballeffekt, durch den wiederum an die Händler Anforderungen gestellt werden, denen sie zur Zeit wohl noch nicht in dem Maße nachkommen können, wie es für die Kinder wünschenswert wäre. Auch hinsichtlich des Rollstuhlbaus bei den Herstellerfirmen bestehen von unserer Seite noch Anforderungen an Kinderrollstühle, denen die meisten Modelle noch nicht gerecht werden.



Aufklärungsarbeit kann hier hoffentlich einiges zur Entwicklung beitragen.



Bild rechts:
Der Rollstuhl mit aufgesetzter Sitzschale, Trommelbremse, großen Kleiderschützern ist für den Jungen sehr schwer zu fahren. Dieser Rollstuhl erschwert die Mobilität.
[Abbildung]

Autorin und Bildmaterial : Ute Herzog